Archiv für die Kategorie ‘Nur so’
Postmenschen

Hab’ ich schon mal erwähnt, dass ich meine Nachbarn mag?
2009 und was davon übrig ist
Mit ein wenig Vorstellungskraft ein Baum, oder? Einer von jenen, die im Süden und deren Krone in eine bestimmte Windrichtung wachsen. “Treue Freunde” habe ich mir gestern gegossen, keine schlechte Botschaft für ein neues Jahr.
Das vergangene ist wie ein Film an mir vorübergezogen – ob es ein Kassenschlager war oder von den Kritikern zerfetzt wurde weiss ich nicht. Ich war so beschäftigt damit, alles aufzusaugen, jede Begegnung, jedes Erlebnis – und davon gabs bei weitem genug. Lamentiert habe ich immer über die gleichen Dinge, aber wir bleiben ja auch in Zeiten des Umbruchs immer ein bisschen gleich. 2009 war MEIN Jahr des Umbruchs, in jeder Natur. Und auch heute strauchle ich noch ein bisschen durch dieses neue Leben. “Neues Leben” klingt nach einem verdammt schlechten Film, aber so ists eben. Ich habe den gesamten bekannten Alltag und meine Heimatstadt hinter mir gelassen – gibt es da einen treffenderen Ausdruck?
Silvester 2009 war das erste Neujahr seit langer Zeit, in dem ich alleine war. Ich hatte einen Job, den ich schon lange nicht mehr mochte und drückte abends die Schulbank. Im Frühsommer dann die erlösende Nachricht: Prüfung bestanden, Kündigung eingereicht und an der Uni immatrikuliert. Ich wollte nur noch weg. Mich mit Stockholm belohnt, eine Woche Sightseeing und Shopping – das letzte Gehalt musste noch rausgehauen werden. Ich bin bis heute übrigens nicht drüber weg, wie schön die Menschen dort sind, Männlein wie Weiblein. Und soviele gutgekleidete Männer habe ich auch lange nicht gesehen. Okay, der ständige Gedanke, völlig underdressed durch die Strassen zu schlendern, wäre auf Dauer auch nichts gewesen, darum hab’ ich den Gedanken, auszuwandern und einen charmanten Schweden zu heiraten gleich wieder fallen lassen. Zurück zu Hause gabs unendlich viele Grillnachmittage und Ausflüge. Mich gabs bei jedem Wetter auf dem Velo zu sehen und so braun geworden bin ich seit Jahren nicht. (Wen wunderts, da hatte ich auch nur fünf Wochen Ferien im Jahr und nicht den ganzen Sommer.) Nach kurzer Verschnaufpause zum Selbstexperiment Allein-Reisen. Eineinhalb Monate durch Irland, unbeschreiblich und im Nachhinein viel zu kurz, und zum Abschluss eine Woche London mit F., meiner engsten Freundin. Kaum zurück, musste ich mich nach Mitbewohnerin und Wohnung umsehen und bin den ganzen August durch zwischen hier und dort gependelt. Wohnungsbesichtigungen en masse, zum Schluss beinahe täglich. Dann natürlich der Umzug – ich habe noch nie in einer anderen Stadt gelebt. Und obwohl nur eine Zugstunde entfernt, musste ich mich mit einem neuen Gefühl herumschlagen: Heimweh. Hatte ich noch nie. Ist mir auch heute noch suspekt, schliesslich wollte ich ja unbedingt mal woanders leben. Das Leben seither: jedes Wochenende nach Hause fahren, um diese Verbindung zwischen mir und meiner Heimat doch nicht ganz zu kappen. Und die Woche durch? Studieren. Eine komische Sache, wenn man seit mehr als sieben Jahren nicht mehr ganztags zur Schule gegangen ist und die ich ziemlich unterschätzt habe. Im November hab’ ich dann endlich einen adäquaten Nebenjob gefunden – eine weitere Sache, die ich mir viel leichter vorgestellt habe.
2009 war auch ein Jahr der Begegnungen, mit vielen kurzen Intermezzi, Gastspielen in fremden Leben. Aber auch mit mir selbst. In Irland habe ich mich schwer erkältet mit einem 18 Kilo-Rucksack durch die Pampa geschleppt (schon das verdiente Applaus), bis der mich irgendwann einfach zum hinsitzen zwang. Ich sass mutterseelenallein auf nassem Boden (wie unvorhersehbar: es regnete in Strömen), kein Auto und kein Haus in Sicht und genau da begriff ich, dass es genau so läuft: Du kannst weiterlaufen oder einfach aufgeben. Weiterlaufen oder aufgeben. Und seither laufe ich trotzig weiter, auch wenn ich noch nicht weiss, wohin das führt. Einen Schritt nach dem andern, genauso wie in Irland. Manchmal auch gegen Wände.
Was das neue Jahr werden soll? Ein bisschen verwurzelter und ruhiger. Reisen ist eines der schönsten Dinge überhaupt, aber man braucht auch Zeit, wieder anzukommen.
Weihnachtsgedanken oder “Oh please let me sleep, it’s Christmas Time”
Weihnachten. Weihnachten war das letzte Mal toll, als man noch Kind war. Als ich mit meinem kleinen Bruder ins Zimmer hochgeschickt wurde, um vor dem Essen noch ein wenig zu spielen – dabei gings nur darum, uns aus dem Weg zu haben, damit das Christkind kommen kann. Ich war ja nicht blöd. Ich hab’ also so getan, als würden wir spielen. Und mein Bruder, der musste lautstark mit den Legomännchen hantieren und so tun, als würde unser Schiff gerade von Piraten geentert oder so ähnlich, auf jeden Fall stand ich die ganze Zeit mit dem Ohr an die Türe gedrückt in den Startlöchern, um auf jeden Fall die Erste zu sein, die das Christkind (das, nebenbei, bei uns zu Hause immer mit einem Glöckchen klingelte, wenns durchs Fenster geflogen kam) hören würde. Und beim ersten Glockenton sprintete ich los, während mein Bruder noch verdutzt ein Legomännchen in der Hand hielt. Aber es war egal, wie schnell ich war, bis ich die Stube erreichte, wars immer schon zu spät. Das Fenster stand sperrangelweit offen und meine Eltern davor. “Sieh mal, vielleicht kannst du’s noch davonfliegen sehen”. Nie. Ich habs nie gesehen. Und wären keine Geschenke da gewesen, hätte ich geschmollt. Es ging gar nicht um die Geschenke, die waren blosse Ablenkung um mich darüber hinweg zu trösten, dass ich das Christkind schon wieder nicht gesehen hatte. Und in jedem Jahr schwor ich mir, noch schneller zu sein, und schmiedete Pläne, wie man am effektivsten von meinem Zimmer in die Stube kam.
Später bin ich einmal spät nachts, als meine Eltern endlich schliefen, aufgestanden, hab’ meinen Bruder geweckt und wir machten uns zur “Operation Wohnzimmer” auf. Das Christkind hatte uns da die erste Spielkonsole mitgebracht. Ich glaubte nicht mehr ans Christkind, aber mein Bruder schon. Jetzt war er es, der sich an die Türe drückte, während ich so tat, als würde ich den ganzen Trubel nicht verstehen. Und ich musste mich immer ein wenig zusammenreissen um nicht loszuprusten, wenn er – so wie ich früher – beim ersten Glockenton die Treppe hinunterraste. Na auf jeden Fall schlichen wir uns die Holztreppe hinunter (irgendwann – später in Teenie-Jahren kam mir das sehr zu Gute – hatte ich herausgefunden, auf welche Stellen der Stufen man treten konnte, ohne ein Knarren zu verursachen) und spielten die ganze Nacht durch. Der Reiz war nicht das Spiel, sondern im Dunkeln und Pyjama neben dem Baum zu sitzen und so leise wie möglich zu sein, damit unsere Eltern auf keinen Fall wach wurden. Am nächsten Morgen war die Schokolade alle und uns beiden schlecht – für den Rest der Ferien wollten wir beide keine Süssigkeiten mehr sehen.
Weihnachten bedeutet mir heute nicht mehr viel, zumindest nicht, wenn keine Kinder im Raum sind. Und darum ist mir das Herumwühlen in Erinnerungen lieber als das Auspacken von Geschenken. Also werde ich mir heute im Kreis der Familie den Gong geben und mir nachher frustriert eine DVD reinziehen, die weder mit Weihnachten noch mit Liebe im klassischen Sinn was zu tun hat, denn davon werden wir ja schon von der Glotze überschwemmt und wenn ich noch einmal, nur EINMAL noch den Trailer von irgendeiner Hollywoodromanze sehe, kann ich für nichts mehr garantieren und biete mich Wildfremden als Liebessklavin an. Oder ich ende Bridget Jones-mässig “All by myself”-singend im Morgenrock auf meinem Sofa. Nein, ich glaube, “Shaun of the Dead” macht heute das Rennen. Passt. Ja dann. Frohe Weihnachten allerseits.
PS: beim zitierten Titel handelt es sich um MEINEN Lieblings-Weihnachtssong. Alle Jahre wieder: Pearl Jam.
Revolution
“Wir” sind jetzt auch dabei. Typisch Schweizer natürlich ein bisschen später als alle anderen, aber immerhin – auch wir können jetzt revolutionieren, juhui! Was haben wir doch immer gespannt den Geschichten unserer Eltern zugehört, wow, besetzte Unis, wow, Streiks und Strassenschlachten und freie Liebe, wow. Jetzt können wir das auch! Wahnsinn. Echem.
Dank meinen Kommilitonen hatte ich heute also fast den ganzen Tag frei, 400 Studenten kann man halt nicht einfach so in einen anderen Raum einteilen. Da hätte ich ja richtig ausschlafen und in aller Ruhe brunchen, ein langes Bad am Mittag nehmen und gemütlich Zeitung lesen, mich so gegen 14.00 Uhr gemächlich im Seminar einfinden und in all dieser Zeit ein schönes Musikstück für Sie auswählen können. Aber nein. Pünktlich um Zehn dagestanden. Für nix. War auch zu spät um wieder nach Hause zu gehen und sich nochmals ins Bett zu legen. Bücher auch keine dabei, lernen fiel aus. Den ganzen Vormittag in Cafés rumgehangen und Zeit vertrödelt. Am Schluss ausgesehen wie ein Lastesel, weil blöde Dinge gekauft und dabei nicht überlegt, dass die noch den ganzen Tag herumgetragen werden müssen. Deshalb auch total verschwitzt überall angekommen. War fertig wie nach acht Stunden Vorlesung. Aber hey, dafür haben wir jetzt eine besetzte Uni. Ich kann die Begeisterung leider nicht richtig zeigen, die würde den Rahmen total sprengen. Soooo begeistert bin ich. Toll macht ihr das. Echem. Nein nein, das ist kein Sarkasmus, ich hab’s grade ein bisschen mit dem Hals. Also, Danke, liebe Kommilitonen. Arbeitet doch bitte noch ein bisschen an der Informationsverbreitung, zwecks Tagesplanung und so. Vielleicht komm’ ich dann trotzdem mal vorbei, vielleicht.
Nachtrag: kann man eigentlich auch gegen Proteste protestieren?
Technikschrott
Es ist unglaublich, vor wievielen abartig bösen Spam-Kommentaren Askimet mich in den letzten Tagen schützen möchte – die müssen so böse sein, dass ich die nicht mal angucken darf..
Falls ein Kommentar von jemandem von euch nie aufgetaucht ist: so sorry! Und ehm ja, vielleicht kein Kommentar hier posten sondern kurz eine Email schreiben (andievondort(ät)gmail(pünktli)com)


