Musik am Mittwoch (Lauschgift #11)
Wie, es ist schon Donnerstag? Nein nein, nicht so in meiner Zeitrechnung, die seit Wochen einfach nicht mehr ganz aufgehen will. Schlaf würde an meiner Börse ständig in den Keller rasseln – eine Aktie, die mittlerweile wertlos geworden ist. Und wenn ich mich wieder mal in meinem Bett wälze, dann denke ich an Kuno und frage mich, ob er auch noch aufs Display vom Wecker schielt und an Charlotte denkt.
PS: Dialekt ist was Schönes
PPS: Übersetzung gibts auf Anfrage auch
2009 und was davon übrig ist
Mit ein wenig Vorstellungskraft ein Baum, oder? Einer von jenen, die im Süden und deren Krone in eine bestimmte Windrichtung wachsen. “Treue Freunde” habe ich mir gestern gegossen, keine schlechte Botschaft für ein neues Jahr.
Das vergangene ist wie ein Film an mir vorübergezogen – ob es ein Kassenschlager war oder von den Kritikern zerfetzt wurde weiss ich nicht. Ich war so beschäftigt damit, alles aufzusaugen, jede Begegnung, jedes Erlebnis – und davon gabs bei weitem genug. Lamentiert habe ich immer über die gleichen Dinge, aber wir bleiben ja auch in Zeiten des Umbruchs immer ein bisschen gleich. 2009 war MEIN Jahr des Umbruchs, in jeder Natur. Und auch heute strauchle ich noch ein bisschen durch dieses neue Leben. “Neues Leben” klingt nach einem verdammt schlechten Film, aber so ists eben. Ich habe den gesamten bekannten Alltag und meine Heimatstadt hinter mir gelassen – gibt es da einen treffenderen Ausdruck?
Silvester 2009 war das erste Neujahr seit langer Zeit, in dem ich alleine war. Ich hatte einen Job, den ich schon lange nicht mehr mochte und drückte abends die Schulbank. Im Frühsommer dann die erlösende Nachricht: Prüfung bestanden, Kündigung eingereicht und an der Uni immatrikuliert. Ich wollte nur noch weg. Mich mit Stockholm belohnt, eine Woche Sightseeing und Shopping – das letzte Gehalt musste noch rausgehauen werden. Ich bin bis heute übrigens nicht drüber weg, wie schön die Menschen dort sind, Männlein wie Weiblein. Und soviele gutgekleidete Männer habe ich auch lange nicht gesehen. Okay, der ständige Gedanke, völlig underdressed durch die Strassen zu schlendern, wäre auf Dauer auch nichts gewesen, darum hab’ ich den Gedanken, auszuwandern und einen charmanten Schweden zu heiraten gleich wieder fallen lassen. Zurück zu Hause gabs unendlich viele Grillnachmittage und Ausflüge. Mich gabs bei jedem Wetter auf dem Velo zu sehen und so braun geworden bin ich seit Jahren nicht. (Wen wunderts, da hatte ich auch nur fünf Wochen Ferien im Jahr und nicht den ganzen Sommer.) Nach kurzer Verschnaufpause zum Selbstexperiment Allein-Reisen. Eineinhalb Monate durch Irland, unbeschreiblich und im Nachhinein viel zu kurz, und zum Abschluss eine Woche London mit F., meiner engsten Freundin. Kaum zurück, musste ich mich nach Mitbewohnerin und Wohnung umsehen und bin den ganzen August durch zwischen hier und dort gependelt. Wohnungsbesichtigungen en masse, zum Schluss beinahe täglich. Dann natürlich der Umzug – ich habe noch nie in einer anderen Stadt gelebt. Und obwohl nur eine Zugstunde entfernt, musste ich mich mit einem neuen Gefühl herumschlagen: Heimweh. Hatte ich noch nie. Ist mir auch heute noch suspekt, schliesslich wollte ich ja unbedingt mal woanders leben. Das Leben seither: jedes Wochenende nach Hause fahren, um diese Verbindung zwischen mir und meiner Heimat doch nicht ganz zu kappen. Und die Woche durch? Studieren. Eine komische Sache, wenn man seit mehr als sieben Jahren nicht mehr ganztags zur Schule gegangen ist und die ich ziemlich unterschätzt habe. Im November hab’ ich dann endlich einen adäquaten Nebenjob gefunden – eine weitere Sache, die ich mir viel leichter vorgestellt habe.
2009 war auch ein Jahr der Begegnungen, mit vielen kurzen Intermezzi, Gastspielen in fremden Leben. Aber auch mit mir selbst. In Irland habe ich mich schwer erkältet mit einem 18 Kilo-Rucksack durch die Pampa geschleppt (schon das verdiente Applaus), bis der mich irgendwann einfach zum hinsitzen zwang. Ich sass mutterseelenallein auf nassem Boden (wie unvorhersehbar: es regnete in Strömen), kein Auto und kein Haus in Sicht und genau da begriff ich, dass es genau so läuft: Du kannst weiterlaufen oder einfach aufgeben. Weiterlaufen oder aufgeben. Und seither laufe ich trotzig weiter, auch wenn ich noch nicht weiss, wohin das führt. Einen Schritt nach dem andern, genauso wie in Irland. Manchmal auch gegen Wände.
Was das neue Jahr werden soll? Ein bisschen verwurzelter und ruhiger. Reisen ist eines der schönsten Dinge überhaupt, aber man braucht auch Zeit, wieder anzukommen.



